Venezuela (2004)

November
01.11. – 09.11.04 Los Llanos / Merida
10.11. – 12.11.04 Puerto Columbia
13.11. – 18.11.04 Ciudad Bolivar / NP Canaima mit Angel-Fall
19.11. – 20.11.04 Caripe / Cueva del Guacharo
21.11. – 24.11.04 Puerto Colorado
25.11. – 30.11.04 Colonia Tovar

Dagmar:
Los Llanos
Nun im elften Monat unserer Reise unternehmen wir die erste organisierte Tour, für 4 Tage wollen wir mit Jeep, Boot und zu Pferd unterwegs sein. Unser Guide Kai ist aus Deutschland, aber schon seit einigen Jahren in Venezuela, er sagt, er hatte lange keine Gruppe die sich komplett aus Deutschen zusammensetzt. Es sind Katrin und Nico aus Leipzig, Rosi und Uwe aus Hannover, Max und wir Beide.
Das Llanos-Gebiet ist eine der großen Steppenregionen (1/3 von Venezuela) Südamerikas.
Alexander von Humboldt (1769-1859), der zu Beginn des Jahres 1800 die Grassavannen durchquerte, verglich die Reise des öfteren mit einer Fahrt über das Meer : „Das erhabene Schauspiel des Sternengewölbs in seiner unermesslichen Ausdehnung, der frische Luftzug, der bei Nacht über die Ebene streicht, das Wogen des Grases überall, wo es eine gewisse Höhe erreicht – alles erinnerte uns an die hohe See.“
Die Steppen werden mit Wasserläufen durchschnitten, die zum großen Teil dem Orinoco zustreben. Beste Lebensbedingungen von vielen Tierarten. Traditionell sind die Llanos Viehzuchtgebiet, auch heute noch grasen Millionen von Rindern durch die Savannen.
Auf der Fahrt am 1. Tag fahren wir durch zwei Nationalparks, im Ersten halten wir um eine Kondoraufzuchtstation zu besichtigen, im Zweiten wandern wir 2 Stunden durch Wald und Wiesen zu einer Lagune, wir befinden uns noch in einer Höhe von 3000 m, die Landschaft erinnert uns an die Alpen.
Mit dem Jeep fahren wir über einen Pass 3600 m und dann geht’s runter bis auf 850 m. In dem kleinen Dorf Altamira übernachten wir in einer hübschen Posada und vor dem Abendessen können wir uns in der Lagune eines Wasserfalls erfrischen.
Am nächsten Morgen müssen wir bereits 4.30 Uhr aufstehen. Kai klopft kräftig an unsere Türen, so dass auch wirklich keiner verschläft, wir treffen uns zu einem Kaffee und schon geht’s los. Wir sind noch sehr müde, was ich ja von unserem Fahrer nicht hoffen möchte ! Der Grund, dass der 2. Tag “mitten in der Nacht beginnt“, sind Bauarbeiten an einer Brücke, welche dafür 8 Uhr gesperrt wird und bis dahin sind es noch mindestens 2 Stunden Fahrt. Wir schaffen es
pünktlich und kurz dahinter befinden wir uns schon direkt im Llanos und die Tierschau kann beginnen. Da wir ja gut in der Zeit liegen, kann unser Fahrer öfters anhalten und wir in Ruhe schauen und fotografieren. Direkt neben der Strasse befinden sich Wasserlöcher an dessen Rändern sich die Kaimane sonnen. Auch der Jabiru, größter Storch der Erde (1,40 m), stellt sich uns gleich am Anfang vor. Gegen Mittag erreichen wir unser Camp, welches zu einer Rinderfarm gehört. Wir beziehen unser Hängemattenlager, gespannt wie uns 2 Nächte darin gefallen werden. Kai sagt wie wir uns richtig reinlegen sollen, damit wir nicht wie eine Banane gebogen werden. Der Trick heißt „diagonal“, welchen wir zur Siesta, nach dem Mittagessen, schon mal ausprobieren und es liegt sich recht gut so. Nur wenn mich Lars zu sehr schaukelt, wird mir doch etwas schwindlig.
Am Nachmittag steigen wir ins Boot, der Fluss führt durch Galeriewälder, in denen eine Menge Vögel leben. Leider haben aber die Flussdelphine keine richtige Lust zum springen. Wir entdecken ein Wasserschwein (chigüires), größtes Nagetier der Welt, es sieht aus wie ein Riesenmeerschwein. Ein Kaiman liegt am Ufer und ein Leguan auf einem großen Ast, der übers Wasser hängt. Es wird bald dunkel (gegen 18 Uhr), am Horizont können wir ein gigantisches Wetterleuchten beobachten. Wir befinden uns am Ende der Regenzeit, also stehen Regen und Gewitter noch täglich auf dem Tagesprogramm von Venezuela.
Alle haben die 1. Nacht in der Hängematte gut verbracht und so geht’s gutgelaunt nach dem Frühstück auf Jeepsafari durch die Savanne. Wieder sehen wir viele Kaimane und allerlei Vogelarten (Silberreiher, Schopfhuhn, Falken, Störche), auch die roten Ibise sind schon zurückgekehrt und heben sich in ihrer Knallfarbe super von der Natur ab. Ein fantastisches Bild, wenn die schwarzen, weißen und roten Ibise zusammen am blauen Himmel fliegen. Wir machen einen Stopp, jetzt heißt es, das Abendbrot angeln, in den Gewässern wimmelt es nur so von Piranas. Natürlich dürfen alle die Angelschnur auswerfen, aber irgendwie hängen die Größten immer am Hacken unseres einheimischen Guides. Nur Uwe rettet die deutsche Angelehre und fängt einen schönen Brocken. Innerhalb einer halben Stunde ist unser Eimer voll.
Zur Mittagszeit sind wir wieder zurück im Camp und nach der Siesta geht’s zu Pferd durch die Savanne. Ein Vergnügen über diese Ebene zu traben, haben wir den Reitausflug in Kolumbien vor Augen.
Zum Abendbrot essen wir unsere geangelten Piranas, sie schmecken sehr gut, bis auf, dass hier alles frittiert wird, vom Grill wär’s bestimmt noch leckerer. Außerdem können wir noch Rindfleisch von der Farm probieren, denn am Morgen wurden für ein Fest zwei Rinder geschlachtet und am Lagerfeuer auf Spießen gegrillt.
Auch die zweite Nacht in der Hängematte verbringen wir gut (nachdem das Fest gegen 3 Uhr zu Ende ging), früh heißt es beizeiten los, denn wir verabschieden uns von der Farm, es geht gut 400 km zurück nach Merida.
Merida :
In Merida befindet sich die höchste und längste Seilbahn der Welt. Sie fährt in 12,5 km auf den Berg Pico Espejo (4765 m), ein Höhenunterschied von 2400 m wird dabei überwunden. Auch wir wollen mit der Bahn fahren, nur leider ist im
Moment Nebensaison und deshalb sind an der letzten Station Reparatuarbeiten, so können wir nur bis auf 4000 m fahren.
NP Canaima – Salto de Angel (Angel-Fall)
Wir starten zu unserer 2. organisierten Tour, 3 Tage in den Nationalpark Canaima, um den Angel – Fall, der höchste Wasserfall der Welt mit 978 m Höhe, zu sehen.
Nur per Flieger können heute Touristen in das Gebiet des Wasserfalls gelangen, so wie auch damals 1935, der amerikanische Buschpilot Jimmy Angel, er entdeckte ihn und seitdem trägt der Wasserfall seinen Namen „Angel“.
So fliegen wir mit einer Cessna (6 Personen) von Ciudad Bolivar ca. 1 Stunde zum ersten Camp. Aus der Luft bekommen wir schon den ersten Eindruck von der Gran Sabanna mit uralten Tafelbergen, Wasserfällen und tropischer Vegetation. Im Camp treffen wir auf Katrin, Nico, Rosi und Uwe wieder (unsere Reisegruppe vom Llanos), sie sind schon am Ende mit dem Ausflug und warten auf ihren Rückflieger (sie waren auch zufällig hier in einer Gruppe), wir tauschen uns kurz über die Erlebnisse der letzten Tage aus, wäre doch lustig gewesen alle wieder in einer Gruppe. Wir essen noch zusammen Mittag und haben nicht lange Boden unter den Füßen, denn nachmittags steigen wir ins Boot und fahren zum Wasserfall „Salto Hacha“. Hinter diesem Wasserfall kann man durchlaufen und das machen wir, aber in Badesachen und die Fotoapparate wasserdicht verpackt. So wird es ein witziges Vergnügen, wie das Wasser sich direkt vor uns überschlägt.
Der 2. Tag beginnt wieder mit einer Bootstour, aber diesmal etwas länger, 4 Stunden bis zum Angelfall und es soll eine lustige, spritzige Fahrt auf dem Rio Carrao werden. Am Anfang ist der Fluss ruhig, dann müssen wir aussteigen und ca. 40 min laufen, denn jetzt beginnen die Stromschnellen, an dieser Stelle dürfen keine Touristen mitgenommen werden, aber auch als wir wieder im Boot sitzen wird es meiner Meinung nach nicht besser. Wenn ich es nicht genauer wüsste, könnte man meinen wir machen Rafting, aber wir fahren in einem Holzlangboot, nicht im Schlauchboot. Es sind noch einige Stromschnellen zu überwinden, 150 Höhenmeter sind es den Fluss bergauf (!), in ca.30 km und als endlich der Angelfall in Sicht kommt, ist die gesamte Bootsbesatzung klitschnass. Eine Stunde müssen wir noch im Wald leicht bergan laufen und dann ist er direkt vor uns, der höchste Wasserfall der Erde. Wir setzen uns auf einen kleinen Felsvorsprung und genießen den Anblick, aber auch in unserem Rücken befindet sich ein toller Anblick, Lars sagt, dreht Euch doch mal um, ein gewaltiges Bergmassiv angestrahlt von der Sonne, klasse. Später steigen wir zur Lagune des Angelfalls runter und können darin baden, das Wasser ist erfrischend.
Zurück am Boot, müssen wir nur noch auf die andere Flussseite, denn dort befindet sich unser Camp für die 2. Nacht, wieder in der Hängematte. Das Lagerfeuer ist schon entfacht, unsere Hühnchen werden daran fürs Abendbrot gegrillt. Es wird ein gemütlicher Abend und als wir früh erwachen, begrüßt uns der Angelfall auf der anderen Flussseite. Nach dem Frühstück geht’s mit dem Boot zurück, flussabwärts sind wir natürlich schneller – schneller durch die
Stromschnellen – noch schneller patschnass. Aber bis die Cessna uns zurück nach Ciudad Bolivar fliegt, sind alle wieder trocken und glücklich über das Erlebte.
Lars:
Cueva del Guancharo bei Caripe
Von Ciudad Bolivar fahren wir ca. 350 km in nördliche Richtung bis Caripe. Ganz in der Nähe befindet sich die größte Höhle Südamerikas “Cueva del Guacharo”, welche im Jahre 1799 durch Alexander v. Humboldt mit Hilfe von einheimischen Indianern erkundet wurde. Sie drangen jedoch nur 470 m in die stollenförmige Höhle vor, gerade soweit, wie noch ein schwacher Schein des Tageslichtes vom Eingang der Höhle eindringt. Alexander v. Humboldt akzeptierte damit den Glauben der Indianer, welcher besagt, daß man beim weiteren Eindringen in die Höhle die Seele verliert. Erst im Jahre 1957 wurde die gesamte Höhle mit ihren 10,5 km Länge komplett erforscht. In einer knapp zweistündigen Führung können wir 1,8 km in die Höhle vordringen. Die ersten 800 m werden von einer 18.000 Tiere zählenden Kolonie Ölfettschwalben (Guacharo) bevölkert. Die Vögel sind bis zu 55 cm lang und haben eine maximale Spannweite von 1,10 m! Tagsüber leben sie ausschliesslich in der Höhle, verlassen diese erst nach dem Sonnenuntergang zur Nahrungssuche und kehren pünktlich vor dem Sonnenaufgang in diese zurück. Ähnlich wie die Fledermäuse orientieren sich die Vögel mit Hilfe eines Ultraschallsystems. In dem von den Guacharo’s bevölkerten Stück ist es verständlicherweise verboten mit Blitz zu fotografieren, um die Vögel nicht zu verstören. Bereits der schwache Schein der Gaslampe unseres Führers reicht zu bei den Schwalben ein gewaltiges Geschrei auszulösen. Erst später bewundern wir mit etwas stärkerem Licht der Lampe die bizarren Formationen der Tropfsteine, welche von den Decken der Höhle hängen oder vom Boden aufragen. Unser Guide erklärt, daß die Tropfsteine nur ca. 1 cm in 100 Jahren wachsen. Wieder einmal sind wir von den Schönheiten der Natur überwältigt.
Colonia Tovar
Das nächste Ziel ist die Colonia Tovar nur 80 km von Caracas entfernt. Hier soll unser lang anvisiertes Treffen mit Marika und Ingo aus Radeberg (www.ingo-engemann.de) gelingen. Die beiden sind seit Juli 2003 mit ihrem Allrad-Mercedes-Sprinter „Ursinus“ unterwegs. Sie starteten in Kanada und bereisten bis jetzt gesamt Nord- und Mittelamerika. Seit einiger Zeit standen wir per e-mail in Kontakt und konnten somit verfolgen, wo sich jeweils die anderen befinden und wo es zu einem Treffen kommen könnte.
Am Donnerstag treffen wir in Tovar ein, finden in den Cabañas „Silberbrunnen“ ein schönes Quartier und teilen die Adresse Marika und Ingo via Internet mit.
Kurz ewas zur Geschichte von Tovar:
Der Ort wurde am 11.1.1843 von 358 Menschen aus dem Gebiet Kaiserstuhl im Schwarzwald gegründet. In 1.800 m Höhe errichten sie ihre Fachwerkhäuser nach heimischem Vorbild in einem kühlen Hochtal der Küstenkordillere,
beginnen mit dem Ackerbau und brauen das erste deutsche Bier in Venezuela. Das angestrebte Ziel des italienischen Geographen und Naturforschers Codazzi, mit der Besiedlung der Europaer, die nach dem Unabhaengigkeitskrieg brachliegende Wirtschaft des Landes neuen Aufschwung zu geben, schlug jedoch fehl. Die Gemeinschaft duldete keine Einheimischen. Dies gipfelte darin, daß nur die Heirat innerhalb des Dorfes gestattet wurde. Wer dagegen verstieß, verlor sein Land. Fast 100 Jahre lebten die Bewohner des Ortes in völliger Isolation. Erst ab dem Jahr 1964 setzte nach dem Bau einer Straße und somit der Anbindung des Dorfes an die Außenwelt eine zunehmende Venezolanisierung ein. Heute trifft man nur noch auf wenige deutschsprechende Familien, die ihren schwarzwälder Dialekt behalten haben. Wir treffen auch auf neue „Zuwanderer“, wie den deutschen Metzgermeister Günter, der seit ca. 25 Jahren mit seiner Familie in Tovar lebt. Er lädt uns spontan zum Abendessen ein und erzählt uns viel von dem Leben in Tovar und dem Bau seiner Wurstfabrik.
Tatsächlich treffen Marika und Ingo bereits am nächsten Tag in Tovar ein. Die Freude ist groß. Die darauffolgenden Tage vergehen wie im Flug, gibt es doch eine Menge Reiseerlebnisse auszutauschen. Genau am 1. Advent grillen wir leckerste Bratwürste, essen Schwarzbrot und lassen uns dazu ein „Cerveza Tovar“, gebraut nach deutschem Reinheitsgebot, munden. Nach 4 Tagen müssen wir uns jedoch verabschieden, unsere Zeit drängt. Wir wünschen den beiden für die Weiterreise nach Brasilien und die nächsten Länder alles Gute und denken, dass wir uns mit Sicherheit wiedersehen, entweder daheim oder auf einem anderen Kontinent.